Liebe Kolleginnen und Kollegen,
unsere Vorlesung trägt die Überschrift

Einführung in den Konstruktivismus
- und seine Rezeption in den Geschichtswissenschaften


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Es handelt sich um eine Lehrveranstaltung im Rahmen der - im historischen Curriculum obligatorischen - Wissenschaftstheorie.

Vielleicht finden Sie es ungewöhnlich oder überraschend, ausgerechnet am Institut für Zeitgeschichte mit einem solchen Thema - Konstruktivismus - konfrontiert zu werden, verbindet man doch mit diesem Institut und seiner Fachbezeichnung, seiner Denomination, gewöhnlich ein Bündel ganz anderer Thematiken. Dennoch ist der - gewissermaßen lokale - Hintergrund unseres Themas leicht aufzuklären. Einer der Protagonisten dessen, was wir unter Konstruktivismus zum Gegenstand machen und erläutern wollen und werden, der 1911 in Wien geborene Physiker Heinz von Foerster, hat seinen wissenschaftlichen Nachlaß an das Institut für Zeitgeschichte übergeben, wo nun ein Heinz-von-Foerster-Archiv eingerichtet wurde. Zu den Aufgaben dieses Archives gehört es nicht nur, diese Dokumente und Papiere für die Forschung bereit zu stellen, sondern sich auch mit den Themen des Namengebers zu beschäftigen - und dies geschieht nicht zuletzt in der Lehre.

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Es wird hier - dies nur zur Klarstellung - im übrigen nicht darum gehen, irgend jemanden von einem neuen oder alten - jedenfalls weiteren - ISMUS zu überzeugen, sondern darum, einen hochinteressanten Denk-Ansatz zur Diskussion zu stellen. Konstruktivismus ist vor allem - ich wähle hier eine schon "klassisch" gewordene Formulierung - ein "Gesprächsangebot". Zugleich meint Konstruktivismus im Kern ein Gespräch darüber, wie wir zu dem kommen, was wir unsere Wirklichkeiten nennen wollen, können, müssen. Und unsere historischen Wirklichkeiten sind hier eingeschlossen.

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Kommen wir noch einmal zurück zu unserer Überschrift "Einführung in den Konstruktivismus - und seine Rezeption in den Geschichtswissenschaften" zurück - schon finden wir einen Fehler! Zwar haben wir den Geschichtswissenschaften den ihnen angemessen Plural gegönnt, sie somit mit der nötigen Pluralität ausgestattet, der arme, arme Konstruktivismus jedoch verharrt - noch! - in der Einsamkeit eines Singulars. Dies ist vollkommen unangemessen, und wir sollten dieses technische Versehen schnellstens beheben.

In Wahrheit haben wir es mit Konstruktivismen - im Plural diesmal, und nun ganz im Sinne der Pluralität - zu tun. Zu heterogen nämlich, zu uneinheitlich, letztlich auch zu widersprüchlich sind all jene Denk-Bewegungen, die unter dem Namen Konstruktivismus firmieren. Und genau diese Pluralität soll uns nun ein Semester lang beschäftigen.

Nun: wie beginnen? Das beste, so scheint es mir, wäre es, wenn wir die bevorstehende Reise ins - für Sie wahrscheinlich noch unbekannten - Land der Konstruktivismen so etwas wie eine Landkarte hätten. Eine Landkarte, die uns beispielsweise unterschiedliche Territorien benennte, uns auf Verbindungswege hinwiese, auf die Hauptlinien und die Nebengelesie des Eisenbahnsystems.

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Landkarten zu zeichnen, auch das werden wir im Verlaufe des Semesters sehen, ist ja selbst eine konstruktivistische Operation schlechthin. Die Konstruktion einer Landkarte kann auf ganz verschiedene Weise in Angriff genommen werden. Manche beginnen damit, scharfe Umrisse, eine Küstenlinie etwa oder eine andere - fast schon unüberschreitbare - Grenze zu zeichnen. Im Sinne des vorhin bereits angeführten Diktums, dem Konstruktivismus, den Konstruktivismen ginge es um ein Gesprächsangebot, wäre dies eine ganz falsche Strategie. Beginnen wir also am besten in der Mitte und bemühen wir uns, die Grenzen möglichst offen zu halten. Eines sei vorweg noch erwähnt: Landkarten haben - naturgemäß - einen systematischen Nachteil. Ihnen immanent ist die Beschränkung auf zwei Dimensionen: Höhe und Breite des Papiers oder der Tafel, auf das oder die wir zeichnen. Eine dritte (oder noch weitere) Dimension(en) gewinnen wir über die von uns vorzusehende Semantik, über unsere Möglichkeiten, die Karte zu beschreiben.

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Setzen wir in die Mitte ein K - für Konstruktivismen. Gleich über dieses K schreiben wir einen Namen - er wurde schon erwähnt - Heinz von Foerster. Obgleich Foerster in einem Interview mit mir ironischerweise meinte, er wäre kein Konstruktivist, soll und muß die Bedeutung seiner Beiträge für die Debatten um Konstruktivismen hier in den Vordergrund gestellt werden. Foerster, der 1948 sein erstes Buch "Das Gedächtnis. Eine quantenphysikalische Untersuchung" in Wien veröffentlicht hatte, kam kurz danach in die Vereinigten Staaten und erregte mit diesem Werk das Interesse des Neurophysiologen Warren McCulloch, der zu den Begründern der Kybernetik zählt. Foerster wurde von McCulloch zu Vorträgen eingealden, darunter bei der berühmten Macy-Conference 1949, deren Konferenzakten Foerster selbst dann herausgeben sollte.

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Kybernetik, deren Erfindung manch populärer Meinung nach ja ausschließlich dem Mathematiker Norbert Wiener zugeschrieben wird, hatte nicht diesen einen "Vater" (Norbert Wiener), sonder viele Väter, die (männlichen) Mitglieder der Macy-Group, und eine Mutter, die Anthropologin Margareth Mead (das einzige weibliche Mitglied der Gruppe). Wichtig ist es, hier festzuhalten, daß Kybernetik von Anfang an eine transdisziplinäre Veranstaltung war. Um die Ideen der Kybernetik - vor allem auch mit dem Focus Bio-Kybernetik - weiterzuentwickeln, gründete Foerster 1957 das Biological Computer Laboratory (BCL) an der University of Illinois, Urbana, an der er seit 1949 eine Professur innehatte. An diesem Laboratorium arbeitete bald die internationale Elite in diesem Wissenschaftsbereich W. Ross Ashby, Gordon Pask, Gotthard Günther, später die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela (beide Begründer der modernen Kognitionswissenschaften) Auf Foersters zahlreiche eminente Beiträge zur Kybernetik kann ich hier nicht eingehen. Lediglich ein Meilenstein in der (bzw. für die) Geschichte des Konstruktivismus verdient hier unsere besondere Beachtung. In Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit Maturanas Ideen der Autopoiesis gelang Foerster der Durchbruch zum Konzept der second order cybernetics, der Kybernetik zweiter Ordnung. Damit verbunden war die Erweiterung der Fragen vom beobachteten System (das Thema der klassischen Kybernetik) zu den beobachtenden Systemen, von den observed systems zu den observing systems.

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Der Beobachter (wir dürfen eben so gut sagen: die Beobachterin) wurde zur zentralen Kategorie konstruktivistischer Konzepte insgesamt. Die Entdeckung, besser - oder konstruktivistischer - die Erfindung des Beobachters erfolgte ungefähr zur selben Zeit - und unabhängig voneinander - durch Humberto Maturana, durch Heinz von Foerster und den englischen Mathematiker und Logiker George Spencer-Brown (dessen bahnbrechendes und heute ungemein einflußreich gewordenes Werk Laws of Form übrigens von Foerster erstmals in de USA rezensiert wurde)

Nehmen wir nun unsere Landkarte zur Hand und schreiben die folgenden Bezeichungen ein: Über dem bereits vorhandenen Namen Foerster: Macy Group, Warren McCulloch, Margareth Mead, Gregory Bateson. Neben Foerster schreiben wir BCL - und fügen gleich hinzu Ashby, Pask, Günther, ein wenig darunter: Maturana, Varela. Dorthin schreiben wir auch die Begriffe "second order cybernetics" und "Beobachter".

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Damit gewinnen eine erste und noch reichlich unvollständige Genealogie des Konstruktivismus - jenen Teil seiner Genese, der der kybernetischen Tradition zugehört. Versuchen wir nun einen anderen, ganz wesentlichen - und unabhängigen - Strang in äußerster Kürze zu skizzieren: Der Genfer Entwicklungspsychologe (aber diese Bezeichnung ist eine völlig unzureichende Abkürzung) Jean Piaget entwickelte in seinem gerade zu unfaßbaren Lebenswerk (von vielen tausenden Seiten) eine Sichtweise, die ich folgendermaßen pointiert darstellen möchte: Unsere Wahrnehmungs- und Erkenntnismöglichkeiten, die unser Sensorium ausmachen, sind nicht von vorne herein determiniert, gar natur- oder gottgegeben. Wir müssen sie durch unsere eigene Aktivität (im frühkindlichen Stadium, aber auch später) im Zusammenhang mit anderen (den frühen Bezugspersonen, aber auch den späteren) erst selbst aufbauen und entwickeln. Dabei ist von einer - manchmal als paradox angesehenen - zirkulären Schließung von Sensorium und Motorium auszugehen. (Nur Sehen ermöglicht Bewegung, nur Bewegung ermöglicht Sehen oder Hören, Fühlen, Wahrnehmen in einem möglichst umfassenden Sinn -von boot-strapping sprach man später in der Theorie selbstorganisierender Systeme)

Ernst von Glasersfeld, auch er - wie Foerster - Altösterreicher in Amerika, aus einer k.u.k. Diplomatenfamilie stammend, entwickelte nun während einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Werk Piagets das Konzept, den Begriff des Radikalen Konstruktivismus.

Schreiben wir dies sofort in unsere Landkarte: Piaget, Glasersfeld, Radikaler K.

Und fügen wir gleich an: Siegen, Siegfried J. Schmidt, Lumis-Institut, das Stichwort: Empirische Literaturwissenschaft, die Zeitschrift Delfin, der Autor Gebhard Rusch, mit dessen Werk „Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt“ Frankfurt 1987, Schmidt und seiner Siegener Gruppe entspricht hier so etwas wie der wissenschaftsoziologische Terminus eines „General-Importeus“ einer Theorie, eines Forschungsansatzes.

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Die Siegener Gruppe, und Schmidt selbst, war in fast alle wichtigen Beiträge zu den konstruktivistischen Diskussionen seit den frühen 80er Jahren involviert.

Machen wir geographisch – und auf unserer Landkarte der Konstruktivismen – einen kleinen Sprung: von Siegen nach Bielefeld. Niklas Luhmann arbeitete dort seit den 60er Jahren an einer allgemeinen Theorie der Gesellschaft. Er tat dies zunächst in der Nachfolge von Talcott Parsons, jenem bedeutenden Harvard-Soziologen, der zuerst eine Systemtheorie der Gesellschaft formulierte. In Luhmanns so lesenswerten Gesamtwerk gibt es einen bedeutenden Bruch. 1984 erschien „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“ Hier wurden die Überlegungen und Konzepte Maturanas, Foersters, und Spencer-Browns plötzlich zum Thema der Gesellschaftstheorie gemacht. Diese neue – konstruktivistische – nicht mehr bloß systemtheoretische Sicht der Gesellschaft, zog nicht nur eine Kette von Publikationen aus der Feder Luhmanns selbst, sondern auch solche seiner Schüler nach sich. Erwähnen möchte ich hier lediglich Dirk Baecker, der sich seinerseits um die Rezeption George Spencer-Browns im deutschsprachigen Bereich verdient gemacht hat.

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Unsere Landkarte hat nun schon einige Konturen, sie weist allerdings noch allzu viele „weiße“ Bereiche auf: Wir schreiben also weiter – und hier knüpfen wir wieder an den genealogischen Strang Macy-Konferenzen an: Gregory Bateson kam in den 1960er Jahren mit einer Forschergruppe in Kontakt, die dann als MRI, Mental Research Institute (Palo Alto) in Erscheinung treten sollte. Das Kernproblem dieser Gruppe, die sich zunächst um Don Jackson zentrierte waren Kommunikation und die Therapie kommunikativer Störungen in kleinen sozialen Gemeinschaften (wir können auch sagen: Familien-Therapie. Auch spielte ein Ex-Österreicher eine bedeutende Rolle: Paul Watzlawick, der zu einem der weltweit bekanntesten Vertreter der sogenannten „Kurz-Therapie“ werden sollte. Bateson spielte in dieser Gruppe eine maßgebliche Rolle; Watzlawick nutzte seinen Status als (tatsächlich erfolgreicher) Therapeut auch dazu, wichtige theoretische Texte bekannt zu machen. Dürfen wir ihn eine Hebamme der Konstruktivismen nennen?

Deutlich früher aber traten zwei in Europa geborene und in den USA tätige Sozialwissenschaftler auf die Szenerie der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung. Mit The social construction of reality (1966) zu deutsch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wriklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie“ (1969) wurde einer der sozialwissenschaftlichen Best- und Long-Seller geschrieben. Beide Autoren profitierten aus der Auseinandersetzung mit dem Werk von Alfred Schütz, einem weiteren 1938 aus Wien vertriebenen Sozialwissenschaftler.

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Der Begriff der Konstruktion war damit in die sozialwissenschaftliche Diskussion dauerhaft eingebracht. Der Begriff des Sozial-Konstruktivismus, wir notieren ihn sofort, entstand ein wenig später. Damit kommt aber nicht nur – mit Schütz – eine weitere europäische Tradition ins Spiel der Begriffe und Definitionen, sondern auch eine – fast schon – genuin amerikanische: Über die Chicagoer Schule der Soziologie, vor allem Robert Park ist zu erwähnen, kam über Herbert Blumer der Begriff des Symbolischen Interaktionismus in die Diskussion; die Namen von Erving Goffman und Howard S. Becker kommen auf diese Weise ebenso auf unsere Landkarte.

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Sie alle zeigten und zeigen, daß wir jene Wirklichkeiten, die wir „wahrnehmen“, in der einen oder anderen Form selbst erzeugen.

Unsere Landkarte ist nach wie vor nicht frei von weißen Flecken. Eine erste Orientierung könnte jedoch gewonnen worden sein. Alles weitere wird unseren Expeditionen ins unbekannte Terrain vorbehalten bleiben.